Sicko - Lektionen in Propaganda.

Sicko: Michael Moores neue Doku über die Übel des US-amerikanischen Gesundheitssystem. Irgendwo habe ich gelesen, das einzige, was dieser Film sagt sei: Pfuh. Gottseidank sieht die Welt in Europa anders aus. Die Dokumentation zeigt, für Moore’sche Verhältnisse eher unkonfrontativ, die Verdorbenheit der USA anhand von Einzelschicksalen. Menschen, die keine Krankenversicherung bekommen, weil sie mal Schnupfen hatten. Ärzte und Detektive, die nach Krankheitsfällen versuchen, den glücklich Versicherten den Anspruch abzusprechen. Menschen die sterben, weil private Krankenversicherungen Behandlungen als experimentell ablehnen.

Eigentlich ist Sicko wirklich schwach. Moore zeigt über zwei Stunden hinweg genau zwei Thesen:

1. Das Gesundheitssystem der USA ist furchtbar

2. Überall sonst ist es besser

So wechseln sich persönliche Tränengeschichten mit Besuchen anderer Länder ab. Zuerst Kanada, dann England, dann Frankreich. Pointierte Feststellung: Obwohl die Franzosen unglaublich viel rauchen und Rotwein trinken haben sie eine höhere Lebenserwartung als US-Amerikaner.

Am Schluss jedoch leistet sich Moore eine propagandistische Genialität. Er nimmt Symbole der rechts-konservativen USA, verknüpft sie mit dem Urfeind vor Amerikas Haustür, dreht die Symbole um und verwendet sie gegen die Bush-liebenden, für Todesstrafe, gegen Abtreibung seiende Rechte:

Moore stellt drei Helden von 911 vor. Krankenschwestern und freiwillige Feuerwehrmänner, die eben freiwillig in den Tagen nach den Flugzeugattentaten am Ground Zero geholfen haben. Diese Drei haben körperliche und seelische Störungen und sind durch das weitmaschige Gesundheitssystem durchgefallen. Sie erhalten keine Hilfe, keine Medizin, keine Anerkennung. So geht die heldenverehrende USA mit ihren tatsächlichen Helden um. Jetzt kommt das verknüpfende Element: Moore erklärt populistisch, dass die vermeintlichen Terroristen im Gefängnis von Guantanamo (Kuba) über die bestmögliche Gesundheitsversorgung verfügen. Besser als in ihren Heimatländern, besser als für viele Menschen in den USA. Also packt Moore seine Helden in ein Boot und fährt hin und verlangt, dass die Helden vom Ground Zero doch bitte die gleiche Behandlung erhalten sollten, wie Terroristen. Hier folgt die Umkehrung: wenn sie schon mal vor dem so armen, kommunistischen und gehassten Kuba sind, dann lassen wir doch die Helden gleich dort behandeln. Ab ins Krankenhaus, beste Versorgung, beste Medikamente, kostenlose Behandlungen. Der selbe Halsspray kostet in der Apotheke in Havana ein Hundertstel wie in den USA. Der Feind der USA behandelt die Helden der USA. Und um ein Tüpfelchen auf das i zu setzen, lässt Moore die Helden auch noch von kubanischen Feuerwehrkollegen ehren.

Das Ergebnis: Moore weiss, dass viele Linke ihn lieben und praktisch alle Rechten ihn hassen. Hier schafft er es, mit der Symbolik und innerhalb des “rechten” Wertesystems eine “linke” Message zu verkaufen.

Ein fantastisches Beispiel, wie man aus verschiedenen, inhaltlich relativ wertlosen Gesten durch Verknüpfung eine starke, propagandistische Aussage erhält. Theoretische Untermauerung passiert durch vorher getätigte visuelle “Beweise, dass Nixon’s Minister die Gesundheitsversorgung privatisierte, um weniger Menschen eine Behandlung zu ermöglichen und damit mehr Profite zu machen. Verkauft wurde den Amerikanern das System mit dem Negativbild der sozialistischen Gesundheit. Wenn alle Menschen die gleiche kostenlose Versorgung haben, dann wird die USA zum kommunistischen, gleichgeschalteten Einheitsstaat. Das hat damals sichtlich funktioniert.

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