Archiv für die Kategorie ‘Uncategorized’

Actrices – Nette Szenen (Viennale)

Oktober 25, 2007

Frankreich, 2007, Regie, Buch und Hauptrolle: Valeria Bruni-Tedeschi

Inhalt: Marcelline ist eine berühmte Theaterschauspielerin. Sie ist vierzig und hört von ihrer Gynäkologin, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, ein Kind zu bekommen. Dabei ist noch nicht mal ein Mann in der Nähe. Nur Kollegen, zu denen sie keinen Draht findet, eine Mutter, der sie nichts recht machen kann und einige Geister, die Marcelline verfolgt (und nicht umgekehrt).

Ein netter Film, den ich im Rahmen der Viennale sah und einige Tage später schon wieder fast ganz vergessen habe. In Erinnerung bleiben jedoch drei bewegende Szenen als Bespiele für gutes Drehbuchschreiben:

1. Beginn des Films: die Mutter macht Vorhaltungen: schnapp dir doch deine alte Flamme Arthur noch mal. Antwort: der ist verheiratet und hat zwei Kinder. Gegenantwort: na und? überfall ihn, wirf dich ihm um den Hals und lass dir ein Kind machen.
Viel später im Film. Marcelline sitzt auf der Bühne nach der Vorstellung. Ein Mann kommt, sie kennen sich, sie begrüssen sich, sie wirft sich ihm an den Hals. Sie fallen übereinander her. Sie keucht und sagt ihm mit geschlossenen Augen ins Ohr: „Ich hab keine Angst mehr. Mach mir ein Kind.“ Er ist total verschreckt und richtet sich auf. Sie wird sich bewusst, was sie da grad eben gesagt hat und spricht: „Es tut mir leid Arthur. Wie gehts den Zwillingen?“

2. Marcelline läuft durch die leeren Garderobegängen des Theaters. Plötzlich hört sie ein Baby schreien. Sie geht in eine Gardarobe. Dort liegt ein fremdes, eingewickeltes Baby. Sie setzt sich dazu, bekommt den liebenvollen Mutterblick und fängt an, mit dem Baby zu balgen. Es schreit und Marcelline ist klar, dass es Hunger hat. „Du willst trinken“ meint sie, fuchtelt ihre Brust aus der Bluse heraus und tut so, als gäbe sie sie dem Kind. In diesem Moment stürzt die ehemalige Freundin, die nie im Schauspiel wirklich Fuss fassen konnte herein, sie ist die sichtliche Mutter und sie staucht Marcelline als Irre zusammen, sodass die Möchtegernmutter verstört nach draussen läuft.

3. Marcelline ist verstört und schläft im Bett der Mutter. Die Mutter macht ihr Vorhaltungen, dass sie so egoistisch sei. Als Marcelline es nciht mehr aushält, geht sie der Mutter an die Gurgel. Schnitt. Schwarz. Off. Marcelline erzählt: „Ich habe ein Kind bekommen. Von meiner Mutter. Ich weiss nicht, wie es passiert ist. Vielleicht haben sich ein paar Flüssigkeiten ausgetauscht als wir gerauft haben.“ Blick auf die verwirrte Gynäkologin. Diese sagt: „Mein Mann ist Psychologe, der ist im Stock über uns.“ Marcelline sagt: „Kann ich nicht Ihnen meinen Traum erzählen?“.

Dazu aus dem Viennale Programm über die autobiografischen Züge: Ihre eigene Mutter spielt die Mutter, sie selbst eine Schauspielerin auf der hoffnungslosen Suche nach dem Sinn des Lebens.

http://www.viennale.at/de/programm_final/filme/2521.shtml

Sicko – Lektionen in Propaganda.

Oktober 24, 2007

Sicko: Michael Moores neue Doku über die Übel des US-amerikanischen Gesundheitssystem. Irgendwo habe ich gelesen, das einzige, was dieser Film sagt sei: Pfuh. Gottseidank sieht die Welt in Europa anders aus. Die Dokumentation zeigt, für Moore’sche Verhältnisse eher unkonfrontativ, die Verdorbenheit der USA anhand von Einzelschicksalen. Menschen, die keine Krankenversicherung bekommen, weil sie mal Schnupfen hatten. Ärzte und Detektive, die nach Krankheitsfällen versuchen, den glücklich Versicherten den Anspruch abzusprechen. Menschen die sterben, weil private Krankenversicherungen Behandlungen als experimentell ablehnen.

Eigentlich ist Sicko wirklich schwach. Moore zeigt über zwei Stunden hinweg genau zwei Thesen:

1. Das Gesundheitssystem der USA ist furchtbar

2. Überall sonst ist es besser

So wechseln sich persönliche Tränengeschichten mit Besuchen anderer Länder ab. Zuerst Kanada, dann England, dann Frankreich. Pointierte Feststellung: Obwohl die Franzosen unglaublich viel rauchen und Rotwein trinken haben sie eine höhere Lebenserwartung als US-Amerikaner.

Am Schluss jedoch leistet sich Moore eine propagandistische Genialität. Er nimmt Symbole der rechts-konservativen USA, verknüpft sie mit dem Urfeind vor Amerikas Haustür, dreht die Symbole um und verwendet sie gegen die Bush-liebenden, für Todesstrafe, gegen Abtreibung seiende Rechte:

Moore stellt drei Helden von 911 vor. Krankenschwestern und freiwillige Feuerwehrmänner, die eben freiwillig in den Tagen nach den Flugzeugattentaten am Ground Zero geholfen haben. Diese Drei haben körperliche und seelische Störungen und sind durch das weitmaschige Gesundheitssystem durchgefallen. Sie erhalten keine Hilfe, keine Medizin, keine Anerkennung. So geht die heldenverehrende USA mit ihren tatsächlichen Helden um. Jetzt kommt das verknüpfende Element: Moore erklärt populistisch, dass die vermeintlichen Terroristen im Gefängnis von Guantanamo (Kuba) über die bestmögliche Gesundheitsversorgung verfügen. Besser als in ihren Heimatländern, besser als für viele Menschen in den USA. Also packt Moore seine Helden in ein Boot und fährt hin und verlangt, dass die Helden vom Ground Zero doch bitte die gleiche Behandlung erhalten sollten, wie Terroristen. Hier folgt die Umkehrung: wenn sie schon mal vor dem so armen, kommunistischen und gehassten Kuba sind, dann lassen wir doch die Helden gleich dort behandeln. Ab ins Krankenhaus, beste Versorgung, beste Medikamente, kostenlose Behandlungen. Der selbe Halsspray kostet in der Apotheke in Havana ein Hundertstel wie in den USA. Der Feind der USA behandelt die Helden der USA. Und um ein Tüpfelchen auf das i zu setzen, lässt Moore die Helden auch noch von kubanischen Feuerwehrkollegen ehren.

Das Ergebnis: Moore weiss, dass viele Linke ihn lieben und praktisch alle Rechten ihn hassen. Hier schafft er es, mit der Symbolik und innerhalb des „rechten“ Wertesystems eine „linke“ Message zu verkaufen.

Ein fantastisches Beispiel, wie man aus verschiedenen, inhaltlich relativ wertlosen Gesten durch Verknüpfung eine starke, propagandistische Aussage erhält. Theoretische Untermauerung passiert durch vorher getätigte visuelle „Beweise, dass Nixon’s Minister die Gesundheitsversorgung privatisierte, um weniger Menschen eine Behandlung zu ermöglichen und damit mehr Profite zu machen. Verkauft wurde den Amerikanern das System mit dem Negativbild der sozialistischen Gesundheit. Wenn alle Menschen die gleiche kostenlose Versorgung haben, dann wird die USA zum kommunistischen, gleichgeschalteten Einheitsstaat. Das hat damals sichtlich funktioniert.